Wissenschaft

Andreas Gößling: Über Thomas Bernhard, Robert Walser, Jean Paul und Paul Auster

Nach meiner Dissertation über Thomas Bernhards Romane schien ich auf eine Karriere als Professor für Literaturwissenschaft zuzusteuern. Ich hatte meine Promotion mit „summa cum laude“ abgeschlossen, war von der Studienstiftung des deutschen Volkes mit einem Promotionsstipendium gefördert worden und erhielt im Anschluss eines der begehrten Postdok-Stipendien der DFG für ein dreijähriges Forschungsprojekt. Die in dieser Zeit entstandene umfangreiche Arbeit über Robert Walsers Romane wollte ich tatsächlich eine Zeitlang als Habilitationsschrift einreichen, entschied mich dann aber spontan gegen eine Hochschullaufbahn. Ich publizierte meinen dreibändigen Kommentar zu Robert Walsers Romanen, sodass er als Habilitation nicht mehr vorgelegt werden konnte – und wandte mich befreit der Laufbahn als freier Schriftsteller zu, von der ich seit vielen Jahren geträumt hatte.

Das schließt jedoch keineswegs aus, dass ich gelegentlich zur wissenschaftlichen Literaturkritik zurückkehre.

Im Jahr 2014 habe ich zu dem Sammelband Das Dämonische (Hg. Lars Friedrich/Eva Geulen/Kirk Wetters, Wilhelm Fink Verlag 2014) einen Aufsatz „über Besessenheit im Voodoo“ beigesteuert: Göttliche Reiter auf tanzenden Menschenpferden.

Voraussichtlich im Jahr 2017 erscheint im Verlag J.B. Metzer Das Thomas-Bernhard-Handbuch (Hg. Martin Huber/Manfred Mittermayer), an dem ich mit Beiträgen über Thomas Bernhards Romane Frost und Auslöschung beteiligt bin.

 

Thomas Bernhard

Hauptsächlich in den achtziger und neunziger Jahren habe ich mich intensiv mit Thomas Bernhards Erzählwerk auseinandergesetzt. In dieser Zeit sind zwei Bücher über den herausragenden österreichischen Autor entstanden:

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Thomas Bernhards frühe Prosakunst: Entfaltung und Zerfall seines ästhetischen Verfahrens in den Romanen Frost – Verstörung – Korrektur.
Gebundene Ausgabe: 401 Seiten, 169,95 €
de Gruyter 1987
ISBN-13: 978-3110110869

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Vergriffen:
Die „Eisenbergrichtung“. Versuch über Thomas Bernhards Auslöschung.
Softcover: 72 Seiten
Kleinheinrich 1988
ISBN-13: 978-3926608161

 

Robert Walser

Nach meiner Promotion habe ich ein dreijähriges Forschungsprojekt zu Robert Walsers Romanwerk durchgeführt, das von der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“ mit einem Postdoktorandenstipendium finanziert wurde. Aus diesem Projekt sind drei Kommentarbände zu den Romanen des einzigartigen Schweizer Schriftstellers hervorgegangen:

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Ein lächelndes Spiel.
Kommentar zu Robert Walsers „Geschwister Tanner“, nebst einem Anhang unveröffentlichter Manuskriptvarianten des Romans.
Königshausen und Neumann: Würzburg 1991

Abendstern und Zauberstab.
Studien und Interpretationen zu Robert Walsers Romanen „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“.
Königshausen und Neumann: Würzburg 1992

Abrechnung nach Noten.
Kommentar zu Robert Walsers „Räuberroman“.
Königshausen und Neumann: Würzburg 1992

 

Jean Paul

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Standhafte Zuschauer ästhetischer Leiden: Unter diesem Titel habe ich zusammen mit meinem hochgeschätzten Doktorvater, Prof. Dr. Hans Geulen, einen umfangreichen Kommentar zu Jean Pauls Roman „Hesperus“ herausgegeben
(Kleinheinrich: Münster 1989).

 

Paul Auster

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„Er ist tot. Er ist nicht tot.“
Über Paul Austers „Stadt aus Glas“

MayaMedia eBook, ca. 39 S.
Erscheinungstermin: April 2014
ISBN 978-3-944488-29-5
Preis: € 4,99
Die labyrinthische Bauform von Paul Austers Stadt aus Glas wird meist als literarische Inszenierung postmoderner Theoreme gedeutet. Gewiß geht es in diesem ersten Roman der New York-Trilogie um Bedingungen und Aporien von Subjektivität und sprachlicher Wirklichkeitserfassung in einer Welt, in der die Verbindung zwischen dem Ich und den Realien auf technische Relationen reduziert scheint. Doch die formale Virtuosität und die erhabenen mythologischen Gegenstände, die in Stadt aus Glas verhandelt werden – Paradiesvertreibung, Turm zu Babel, Kaspar Hauser -, drohen den Blick auf eine Pathologie der -zumal männlichen – Individuation zu verstellen, die der Roman sehr viel verdeckter gleichfalls reflektiert. Das Verbrechen, das der väterliche Kerkermeister in Austers Variation des Kaspar-Hauser-Mythos an seinem kleinen Sohn begeht, symbolisiert vor allem anderen die Unterjochung und tendenzielle Vernichtung unbewußter Selbstaspekte und kindlich-nichtrationaler Erfahrungsweisen im babylonischen Turm des erwachsenen Selbst. Dieser mörderischen Tyrannei instrumenteller Rationalität unterliegt nach Austers Analyse auch die Subjektivität des Schriftstellers, seine Innenwelt und Imaginationsfähigkeit.

Essay

Andreas Goessling „He is dead. He is not dead.“
Notes about Paul Auster’s City of Glass

Abstract
Frequently, the maze-like architecture of Paul Auster’s City of Glass gets interpreted as a literary staging of post-modern theorems. Certainly, this first novel from the New York-Trilogyis about conditions and aporias of subjectivity and linguistic grasp of reality within a world where connections between the self and realities appear reduced to technical relations. However, formal virtuosity and elevated mythological topics discussed in the novel – expulsion from paradise, tower of Babylon, Kaspar Hauser – threaten to veil a pathology of namely male individuation, which less noticeably the book reflects as well. The crime the paternal gaoler commits on his young son in Auster’s variation of the Kaspar-Hauser-myth, symbolises above all else subjugation and latent destruction of subconscious identity aspects and a child’s non-rational perception within the Babylonian tower of the adult self. According to Auster’s analysis, the writer’s subjectivity, his inner world and imagination are also subjects to this murderous tyranny of instrumental rationality. (Englisch von Charlotte Lyne)